Wenn Frauen sich politisch engagieren, haben sie eigene Ziele. Sie möchten das Zusammenleben der Gemeinschaft fördern, stärken und sichern. In Wirklichkeit funktioniert der politische Alltag aber nach männlichen Werten: prahlerische Gesprächskultur, Hierarchien mit Hackordnung, Streben nach Macht und sich messen in Wettbewerben. Wer dieses Prinzip beherrscht, ist erfolgreich. Nur, wie gehen wir Frauen mit dieser Realität um? Oft halten sie es in der Politik nicht lange aus und kehren ihr nach kurzer Zeit den Rücken zu. So verlieren wir Frauen die Möglichkeit unsere eigenen Lebenserfahrungen in die demokratische Entscheidungsfindung einzubringen.
Frauen und Gemeindefusionen
Im Rahmen der Studie “SOPHIA 2009″ wurden Schweizerinnen und Schweizern aus allen Landesteilen und Altersgruppen nach ihrer Meinung zu Gemeindefusionen befragt. 61 % der “Meinungsführern”, gemeint sind damit vor allem führende männliche Politiker, sind für die Reorganisation der Schweiz durch Gemeindefusionen. Gegen die Bildung von Gemeinden nach europäischem Vorbild, haben sich die Frauen, die Jungen, die ländliche Bevölkerung und die Parteiunabhängigen ausgesprochen. Nur 26 % dieser Bevölkerungsgruppen befürworten Gemeindefusionen. Frauen und Jugendliche stehen dem Streben nach Macht und Geld auf Kosten des sozialen Netzes sehr kritisch gegenüber. Dies ist nicht nur eine Angelegenheit des weiblichen Gefühls. Frauen können dies auch objektiv begründen.
Masslose Schuldenpolitik
Der Bund, Kantone und Gemeinden sind massiv verschuldet. Jeder Schweizer Bürger hat eine Schuld von 30’000 Franken zu verzinsen. Für eine 5-köpfige Familie sind dies jährlich rund 7500 Franken. So steigen die Staatsausgaben viel schneller, als unsere Wirtschaft je wachsen kann. Trotzdem wird uns versprochen, dass durch eine Steuersenkung die Wirtschaft im Entlebuch angekurbelt werden kann und uns Ende Monat wieder mehr im Portemonnaie bleibt. Schauen wir doch etwas genauer hin! Nur rund 1/3 der Gemeindeeinnahmen sind noch direkte Steuern. 2/3 der Gemeindeeinnahmen werden als indirekte Steuern durch Gemeinde, Kanton oder Bund in der Form von Kehrricht- und Abwassergebühren, Konsumsteuern, Zinsen, Abgaben, Bussen oder Entgelten eingefordert. Auf den ersten Blick scheint uns die Reduktion des Steuerfusses zur Entlastung des Familienbudgets sehr begrüssenswert. Beim näheren Betrachten des Finanzplans erkennen wir jedoch, dass innerhalb der ersten 4 Jahre die Netto-Verschuldung der neuen Gemeinde massiv ansteigt. Man gewährt uns quasi eine Steuerreduktion, die wir als Schuld mit Zins und Zinseszins zurückzahlen müssen. Schon in der Schule lernen unsere Jugendlichen nicht auf Pump zu leben, um nicht in der Schuldenfalle enden. Ein gesundes Misstrauen gegenüber der “Classe politique” scheint uns also durchaus angebracht.
Abbau der öffentlichen Dienste
Die massive Verschuldung des Schweizer Staates führt zu Sparmassnahmen. Öffentliche Dienste, wie Schulen, Verwaltungen, Spitäler oder Verkehrsverbindungen werden besonders auf dem Lande abgebaut. Da verursachen sie höhere Kosten und erwirtschaften geringere Erträge. Nur in den kantonalen Zentren wird investiert und Infrastruktur erhalten. Diese Entscheide schwächen die Lebensqualität in ländlichen Regionen. Im Vorfeld wurde von der Projektsteuerung reisserisch versprochen, dass die Ortsbilder attraktiver gestaltet werden. Kann man ein Dorf als attraktiv zu bezeichnen, wenn kein Lachen der Schulkinder zu hören ist? Der Abbau von Post, Schule, Lebensmitteladen, Arztpraxis und Gemeindeverwaltung entziehen einem Dorf die Lebenskraft. KMU`s werden in kleinen Ortsteilen nicht überleben und lokale Arbeitsplätze gehen verloren. Statt gelebte Solidarität und Hilfe für die Schwächeren, erleben wir täglich, die politische Legitimation des Wettbewerbs um Macht und Geld.
“C`est le ton qui fait la musique”.
Die Diskussion rund um die G4-Fusion ist geprägt von Angst vor Verleumdungen. Es braucht viel Mut zu seiner Meinung zu stehen. Oft hören wir von Gewerbetreibenden: “Weisst du, ich bin auch nicht für eine Gemeindefusion, aber ich kann das nicht öffentlich sagen.” Die Handwerker und Unternehmer sind auf öffentliche und private Aufträge angewiesen. Niemand kann sich leisten wegen einer “falschen” Meinung einen Auftrag nicht zu bekommen. Anders sieht es aus, wenn man sich auf die Seite der Fusionsbefürworter stellt. Die Meinung der Verwaltung des Kantons und der Gemeindebehörden zu teilen ist einfach: ” Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.” Repressalien gegen Andersdenkende sind wenig hilfreich, denn eine demokratische Diskussion lebt nicht von “Gut” und “Böse” oder von “Verhinderern” und “Pseudomodernen”.
Stärken wir die Demokratie
Das finanzielle und wirtschaftliche Sparpotential einer vermehrten Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden wurde nie ernsthaft geprüft, weil “eine Zusammenarbeit ist immer wieder neu zu verhandeln und diese Verhandlungen sind sehr mühsam und es wird oft keine Einstimmigkeit erreicht.” Wenn Verhandlungen im Entlebuch nicht mehr möglich sind, so fehlt es an Konsensfähigkeit, Toleranz, Gemeinschaftssinn und Solidarität. Oder anders formuliert: statt führungsstarken “Fusionsturbos”, sind hier weibliche Eigenschaften wie Sozialkompetenz und Harmoniebestreben gefragt. Wenn wir es im Kleinen nicht schaffen kompromissfähige, gerechte Lösungen zu erarbeiten, wie soll dies in einer Grossgemeinde möglich sein. Ein parteienkontrollierter Einwohnerrat wird um die Machtinteressen der grossen Zentren Entlebuch und Schüpfheim wetteifern. Ausgerechnet im Entlebuch, das sich in seiner Geschichte schon oft für Selbstbestimmung und Freiheit gewehrt hat, setzt man einen Einwohnerrat ein. Die Demokratie in Gemeinden braucht die Mitsprache aller Bürgerinnen und Bürger, denn ein Parlament wird von politischen und wirtschaftlichen Machtinteressen bestimmt. Wir brauchen unabhängige Personen mit Rückgrat, die bereit sind, gegen Widerstände ihre Meinung zu sagen, die gleichzeitig aber auch kompromissbereit sind. Dafür ist eine tolerante Gesprächskultur notwendig, um Bürger der vier Gemeinden (und besonders die Frauen) zu ermutigen für die Zukunft unserer unabhängigen Gemeinden einzustehen.
Vom Wert sozialer Arbeit der Frauen
Frauen nehmen viele soziale und ehrenamtliche Aufgaben wahr: die betagten Eltern zum Hausarzt begleiten oder die Grosskinder hüten. Durch die Zentralisierung wird der finanzielle und zeitliche Aufwand durch weite Wege zur Verwaltung, zum Arzt, oder zur Musikschule steigen. Wenn Familien in unseren kleinen Ortsteilen keine Zukunft mehr haben, dann ziehen sie weg. Dann fragen wir Sie meine Herren: “Wer wird für die alleinerziehenden, alten oder kranken Mitglieder unserer Gemeinden sorgen?” Kinderkrippen, Spitex und Sozialämter stöhnen schon jetzt unter den finanziellen Lasten. Ohne die ehrenamtliche Arbeit der Frauen wird unser soziales Netz nicht funktionieren und ein Ersatz wäre erst recht nicht zu finanzieren.
Nein zu G4
Mit dem Zufallsprodukt “G4″ versucht man die Zentren Entlebuch und Schüpfheim wie “Wasser” und “Feuer” zu vereinen. Die Steuersenkung ist unrealistisch. Neue Schulden werden uns als “Chance” verkauft. Es ist klar, dass das Streben nach Macht und Einfluss weitergehen wird. Die politischen Führungskräfte werden nicht eher ruhen, bis das Ziel einer einzigen Entlebucher Talgemeinde umgesetzt ist. Besinnen wir uns stattdessen auf den weitsichtigen Rat von Niklaus von Flüe (Bruder Klaus): “Machet den zun nit zu wit”. Denn wenn wir zukünftige Probleme lösen wollen, brauchen wir ein demokratisches Mitspracherecht, standhafte soziale Netze, eine tolerante Gesellschaft, eine solidarische Zusammenarbeit zwischen und innerhalb der Gemeinden und Fusionen die Sinn machen.
Darum sagen wir, und hoffentlich viele Bürgerinnen und Bürger am 13. Juni Nein zu G4.
Jeannette Steiner
Familien- und Geschäftsfrau, Entlebuch
Tanja Bieri
Familien- und Geschäftsfrau, Finsterwald