Die Gemeinden bilden in der Schweiz die erste und wichtigste der drei staatstragenden Ebenen der Demokratie. Unsere Gemeinden haben eine große Selbstständigkeit und es wurde ihnen eine große Anzahl von Aufgaben übertragen. In den letzten Jahrzehnten sind diese Aufgaben, komplexer und vielfältiger geworden, ohne dass die finanziellen Ressourcen mehr geworden sind. Diese gesellschaftliche Entwicklung zwingt die Gemeinden zu Reformen. Fusionen bieten aber nicht die Lösung aller Probleme und es gibt bessere Alternativen.
Experten fordern mehr Gemeindeautonomie
Im Rahmen des Politforums Thun haben im März 2010 350 Kommunal- und Kantonspolitiker mit Experten über die Reform der Gemeinden diskutiert und die wichtigsten Fakten in einem Schlussbericht zusammengefasst (nachzulesen in “Schweizer Gemeinde” Nr. 4/2010). Ich erlaube mir hier einige Aussagen zusammenzufassen. So kommt Daniel Arn, Geschäftsführer des Verbandes Bernischer Gemeinden, beispielsweise zum Schluss, dass eine Gemeinde Handlungsspielräume (Autonomie) braucht. Nur wenn den Gemeinden in organisatorischer und finanzieller Sicht Handlungsspielräume gewährt werden, macht die gewaltenteilige und demokratische Organisation der Gemeinde überhaupt Sinn. Die Gemeinden dürfen nicht zu Vollzugsagenturen des Kantons verkommen. Klar ist die Botschaft an die Adresse der Kantone: “Die Gemeindebehörden schulden primär ihren Stimmberechtigten Rechenschaft und nicht einer kantonalen Amtsstelle.” Auch der Schaffhauser Ständerat Hannes Germann sieht die Autonomie der Gemeinden zunehmend gefährdet und ruft daher Bund und Kantone auf, die Gemeinden mit Massnahmen zu unterstützen, die im Milizsystem umgesetzt werden können. Die Gemeinden fordert er dagegen auf, ihre Eigenständigkeit gegenüber Bund und Kanton zu verstärken. Selbst der Spezialist für Gemeindefusionen – Prof. Reto Steiner von der Universität Bern betont, dass Fusionen nur erfolgreich sein können, wenn ein “sorgfältiges Management des Wandels” vorangehe. “Die Erfahrungen zeigen, dass ein grosses Gewicht auf die weichen Faktoren, das heisst auf die Argumente des Herzens gelegt werden muss: Nur dort, wo Vertrauen zwischen den Bewohnern der betroffenen Gemeinden besteht, zeigen Fusionen nachhaltigen Erfolg!” Diese Diskussionen zeigen auf, dass die Stimmberechtigten der Schweizer Gemeinden wieder mehr Autonomie brauchen, um ihre lokalen Bedürfnisse eigenständig umsetzen zu können.
Radikaler Systemwechsel
Während Jahrhunderten halten alle Entlebucher Gemeinden ihre Gemeindeversammlungen ab. Selbst wenn es vorkam, dass nur gerade ein Zehntel der Bevölkerung über Millionenkredite entschieden hat, war es und ist es noch heute jene Demokratie, welche wir Entlebucher kennen und auch leben. Wir sind uns gewohnt, aktiv am politischen Leben teilzunehmen. Es war stets möglich, eine nicht genehme Vorlage zu bekämpfen oder den Antrag auf Rückweisung zu stellen. Zugegeben – es war oft schwierig – aber möglich. Mit der zunehmenden Erstarkung der Minderheitsparteien wurden die Gemeindeversammlungen und das politische Leben im Amt zusehends interessanter. Die heutige Form der direkten Demokratie lebt mehr denn je. Beispielsweise wenn in Flühli Einbürgerungen traktandiert sind, tritt ein besonderes Phänomen auf. Unsere jungen Bürgerinnen und Bürger zeigen sich an der Gemeindeversammlung und nehmen aktiv teil. Alle im Wissen, dass geheim abgestimmt werden kann und dass jede Stimme zählt.
Für eine lebendige Demokratie
Direkte Demokratie bedeutet nicht nur, dass die Bürger ihre Volksvertreter wählen können. Die Gemeindepräsidenten und Gemeinderäte sind Beauftragte des Volkes, und müssen immer wieder Rechenschaft ablegen. Dieses Rechenschaft-Ablegen muss in der Öffentlichkeit geschehen und gehört zur direkten Demokratie. Es genügt also nicht, dass man in irgendeinem Hinterzimmer eine externe Controlling-Kommission empfängt, sondern man muss vor der Öffentlichkeit, vor den Mitbürgern Rechenschaft ablegen, zum Beispiel über einen zweckmässigen Mitteleinsatz oder über eine im Volk sehr umstrittene Massnahme. Auch wenn an den Gemeindeversammlungen nur 5 der 10 % teilnehmen, so ist dies für unumstrittene Sachgeschäfte nicht so tragisch, da sie dennoch die Bevölkerung repräsentieren. Und wenn ein wirklich umstrittenes Geschäft zur Debatte steht, etwa eine Umfahrungsstrasse oder der Neubau eines Pflegeheims oder die Einführung bestimmter neuer Schulstrukturen, dann haben wir sofort wieder eine Beteiligung von 40 oder 50 Prozent oder gar noch mehr. Aber die Türen müssen offen sein, und auch wenn wenige Bürgerinnen und Bürger da sind, muss öffentlich Bericht erstattet werden, damit diese Informationen auch den Bürger erreichen.
Demokratieverlust durch den Einwohnerrat
Nun stehen wir vor der Wahl, uns durch einen Einwohnerrat vertreten zu lassen. 30 Einwohnerräte sollen unsere Interessen – von Entlebuch bis Sörenberg – wahrnehmen und umsetzen. 0.3% der Einwohner entscheiden somit über sämtliche Geschäfte. Ein Einwohnerrat soll 366 Bürgerinnen und Bürger vertreten. Die Gemeinde Flühli hätte beispielsweise rein rechnerisch Anspruch auf maximal fünf Einwohnerräte. Der Einwohnerrat würde – wie die Kantonsräte – im Proporzsystem gewählt. Die Parteien sind somit aufgrund der Parteienstärke (Listenstimmen) vertreten.
Vier (sechs) Ortsteile – vier (sechs) Interessen
Es besteht die Möglichkeit, dass diejenigen Ortsteile mit anteilmässig wenig Stimmberechtigten, wie Flühli-Sörenberg oder Hasle nur sehr schwach, im schlimmsten Fall überhaupt nicht vertreten sind. Schüpfheim und Entlebuch werden mathematisch betrachtet das Zepter schwingen. Gleich verhält es sich beim Gemeinderat. Es besteht nur während der ersten Legislaturperiode ein Anspruch auf eine Ortsvertretung. Obwohl Flühli-Sörenberg und Hasle auch “helle” Köpfe zur Wahl empfehlen können, besteht auch hier aufgrund der Bevölkerungszahl ein mathematischer Nachteil dieser beiden Orte. Auch die Schulpolitik geht einen undemokratischen Weg. Eine 5-köpfige Schulbehörde wird mit einem Globalbudget ausgestattet. Diese Behörde hat somit die Macht über die Köpfe der Eltern und Bürger heikle Entscheide zu treffen.
Abnahme des politischen Engagements
Völliges Neuland müssen die Ortsparteien betreten. Heute werden – bei allen Parteien – die Kosten für Wahlpropaganda, Abstimmungen oder Parteiorientierungen meist von privaten Sponsoren finanziert. Bei einem Systemwechsel müssten die Budgets um ein vielfaches erhöht werden. Wer politisch aktiv sein will, muss dafür tief in die Tasche greifen. Wahlen und Abstimmungen müssen über alle vier Ortsteile geführt werden. Für Parteilose dürfte es wohl unmöglich sein genügend Stimmen zu erhalten, um einen Sitz im Einwohnerrat zu ergattern. Dies führt zu einer Missstimmung gegenüber den politischen Prozessen und auch zur Abnahme der Stimmbeteiligung bei kantonalen und eidgenössischen Vorlagen. Umstrittene Entscheide des Einwohnerrates können zwar mittels Referenden und Unterschriftensammlungen bekämpft werden. Die notwendige Anzahl der Unterschriften für ein Referendum oder die Referendumsfrist kennt noch niemand.
G4 – Entlebucher und die anderen Entlebucher
Der Systemwechsel schafft unnötige Probleme – gerade dann, wenn es wirklich um eine Angelegenheit geht, welche das ganze Amt betrifft. Die einen können eine Entscheidung kurz und bündig an einer Gemeindeversammlung fällen – bei der G4 muss, je nach Kompetenzen des Gemeinderates, zuerst das Parlament entscheiden. Mit der UBE haben wir uns in einem demokratischen Zweckverband organisiert. Die Entlebucher Gemeinden haben sich mit einer grossen Mehrheit für eine gemeindeübergreifende Zusammenarbeit zugunsten der Wirtschaft und des Tourismus ausgesprochen. Eine G4-Fusion würde bedeuten, dass die UBE neu organisiert werden müsste. Tatsache bleibt, dass mit dem Systemwechsel das Fuder überladen wurde. Wir gefährden die weitere engere Zusammenarbeit aller Entlebucher Gemeinden und schaffen neue Hindernisse, statt sie abzubauen.
Markus Thalmann, Treuhänder, Flühli
